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Forschungsentwicklung PDF Drucken

Bereits Ende der fünfziger Jahre wies Arnold Bergstraesser auf die Bedeutung der Länder Afrikas, Asiens, Lateinamerikas und des Nahen Ostens als wichtige Partner für eine internationale wirtschaftliche und politische Zusammenarbeit hin. In der zweiten Hälfte der sechziger Jahre wurde eine forschungsstrategische Grundsatzentscheidung getroffen. Angesichts der begrenzten Möglichkeiten eines Instituts mittlerer Größenordnung wurde beschlossen, nicht flächendeckende area studies zu betreiben, sondern Forschung und Ausbildung nach inhaltlichen Fragestellungen zu betreiben.

Als "wissenschaftlichen Standortvorteil" betrachtet das Institut seine Herkunft aus der Freiburger Schule der "synoptischen Politikwissenschaft" in Verbindung mit einer vertiefenden Kulturwissenschaft, die anderenorts erst in jüngster Zeit wiederentdeckt wurde. Diese Verbindung beruht auf der Einsicht, dass die Analyse politischer Prozesse wie auch entwicklungspolitischer Probleme in Ländern mit anderen Kulturen nicht ohne die Kenntnis ihrer Beschaffenheit, insbesondere auch ihrer Geschichte, Sprachen und Religionen, möglich ist. Daher sind längere Feldaufenthalte in den betreffenden Ländern und Kulturregionen unabdingbarer Bestandteil der Ausbildung am Institut; die Erstellung gründlicher Ländermonographien ist eine bewährte Voraussetzung für die feste Einstellung eines Wissenschaftlers. Die kulturwissenschaftliche Vertiefung hat es ermöglicht, dass seit zwei Jahrzehnten vergleichende empirische Sozialforschung in Übersee zu einem Markenzeichen des ABI werden konnte.

Vor diesem Hintergrund vollzog sich die Auswahl der ersten thematischen Schwerpunkte in der Auseinandersetzung mit dem in den sechziger und frühen siebziger Jahren dominierenden Welterklärungsmodell, der Modernisierungstheorie. Wenn auch in vieler Hinsicht fragwürdig und differenzierungsbedürftig, erscheinen ihr wesentlicher moralischer Anspruch und eine ihrer grundlegenden Annahmen auch heute noch gültig: Der Anspruch auf die Universalisierungsfähigkeit zentraler Bestandteile westlicher Gesellschaften - Menschenrechte und Demokratie - und die Annahme eines globalen und inzwischen verselbständigten Prozesses gesamtgesellschaftlichen Wandels. Was die Theorie implizierte, bestätigte sich in zahlreichen regionalen Forschungsbefunden: die Struktur des modernen Territorialstaates, seine Fähigkeit zur Anpassungs- bzw. Effizienzsteigerung und seine Stabilität stellen die entscheidenden Bestimmungsfaktoren für die eigene Entwicklung und die wichtigsten Rahmenbedingungen für auswärtige Hilfe dar. Im Zentrum seiner Entwicklungsfähigkeit, so zeigten zahlreiche Fallstudien, stehen die Bildungssysteme, im Zentrum seiner Stabilität die Verwaltungssysteme.

Politik- und kulturwissenschaftliche Bildungs- und Verwaltungsforschung erschienen daher als das Mittel, die Entwicklungskompetenzen und Stabilitätsbedingungen der mehrheitlich schwachen Staatsgebilde der Dritten Welt näher und genauer zu bestimmen. Beides bot zugleich einen theoretischen Ausgangspunkt, der sowohl eine systematische Einsicht in die politischen Systeme der betreffenden Staaten und ihrer spezifischen Entwicklungsprobleme gestattete, als auch vergleichende Studien zwischen Ländern mit dem Ziel allgemeiner Erkenntnisse ermöglichte. Darüber hinaus boten sich diese beiden Themenschwerpunkte dazu an, sie für die entwicklungspolitische Praxis, für Projekte der Bildungsförderung und der Verwaltungsreform nutzbar zu machen.

Aus jedem der beiden Schwerpunkte ging ein anderer hervor. Bei zahlreichen Studien zur Bildungspolitik wurde sichtbar, in welchem Maße Bildungskonflikte ethnische Konflikte generieren und ideologisieren. Ethnische Konflikte und ihre Regelungsmöglichkeiten wurden somit zu einem Thema von besonderem Interesse. Aus den empirischen Studien zur Verwaltung ergab sich die Einsicht, dass die gravierendsten Probleme effizienter Verwaltung durch interne Migration in städtische Metropolen entstehen und es sich daher empfehle, der Migrations- und Entwicklungsforschung besondere Aufmerksamkeit zu widmen.

In den letzten Jahren, insbesondere seit dem Ende des Kalten Krieges haben sich die weltpolitischen Gravitationslinien verschoben. Mit zunehmender Globalisierung waren die Auswirkungen sich beschleunigender Modernisierung und die Abschätzung der damit verbundenen weltpolitischen und weltwirtschaftlichen Risiken, insbesondere auf die Länder des Südens bezogen, stärker ins Zentrum des Institutsinteresses gerückt. Seit den 90er Jahren wurden Menschenrechte und deren Schutz durch den demokratischen Verfassungsstaat zunehmend als internationale Norm anerkannt. Libera­lisierungsprozesse erschütterten bislang als stabil erscheinende autoritäre Systeme; demo­kratische Kräfte erstarkten. In vielen Weltregionen sind Gegenkräfte zu Modernisierung und Globalisierung zu beobachten. Dem universalistischen Anspruch der Demokratie wurde unter Berufung auf ethnische, nationale oder religiös-fundamentalistische Werte wider­sprochen. Die so entstanden komplexen Spannungslagen und Konflikte bedurften kul­turwissenschaftlich fundierter Analyse. Demokratisierungsprozesse und ethno-religiöse Konflikte waren und sind daher zwei eng miteinander verbundene Forschungsschwerpunkte.

Auf international politischer Ebene wurden auch die staatenübergreifenden Systeme von dieser Problematik erfasst. Die neuen Formen der internationalen Kooperation, aber auch die staatenübergreifenden Konfliktsysteme mußten vor dem Hintergrund kulturspezifischer Bedingtheiten gesehen und verstanden werden. Unter dem Schwerpunktthema Internationale Kooperation und global governance wurden diese Forschungsfragen untersucht.

Die beiden letztgenannten Schwerpunkte verbindet die Frage nach Bedingungen und Modalitäten von good governance. Innerhalb von Staaten wie zwischen ihnen ist zu untersuchen, wie mit Konflikten so umgegangen werden kann, dass Bemühungen um wirtschaftliche und so­ziale Entwicklung eine ernsthafte Chance auf Erfolg haben können.

 

 
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