Kriege, Umweltzerstörung, der Aufstieg des Rechtspopulismus und zunehmend polarisierte internationale Beziehungen. Ist diese Zeit des Umbruchs auch eine Zeit für Neuanfänge? Und handelt es sich überhaupt um einen Bruch, oder ist es vielmehr eine Frage der Perspektive und des Verständnisses von Zeit, aus der wir Konflikte und Entwicklungen weltweit betrachten? Wie können wir diese Welt besser verstehen und uns in ihr zurecht finden?
Mit diesen Fragen haben sich die vier Referent*innen der diesjährigen ALMA-Vortragsreihe auseinandergesetzt. Die Reihe ist auch eine Antwort auf die zunehmende Kritik an de- und postkolonialer Forschung, die den wertvollen Austausch mit Wissenschaftler*innen möglich macht, die seit langem alternative Perspektiven auf die wichtigsten Themen und Herausforderungen unserer Zeit bieten.
Die ALMA-Vortragsreihe 2026 stellt Perspektiven aus dem Globalen Süden in den Fokus und bietet eine Plattform für diejenigen Stimmen, die lange Zeit an den Rand des weltpolitischen Geschehens und der Wissensproduktion gedrängt wurden.
Jeder der vier Vorträge lieferte eigenständige Argumentationen und Erkenntnisse. Insgesamt unterstrichen alle die Bedeutung von pluralistischen Perspektiven in der Wissensproduktion.
María Cárdenas stellte afrolatinx, indigene und interdisziplinäre Bewegungen in den Amerikas vor, die seit langem eine relationale sowie kollektive Lebensgestaltung („Pervivencia“, dt. Fortbestehen) praktizieren. Sie nutzten diese Ansätze in Aktivismus und Politik und konnten so Strukturen destabilisieren, die einen ausbeuterischen und rassistischen Kapitalismus ermöglichen. So widersetzen sie sich fatalistischen Sichtweisen auf die globale Politik, die letztendlich den Faschismus begünstigen.
Rosa Cordillera A. Castillo gab einen Einblick in das Feld der ökozentrischen Übergangsjustiz, also der juristischen Aufarbeitung nach Konflikten. Der Ansatz stützt sich auf nicht-eurozentrische Rechtsrahmen und indigene Erkenntnistheorie. Ihr Beispiel war der erste Übergangsjustizprozess auf den Philippinen, an dem Muslim*innen, indigene Völker die nicht den Moro angehören, christliche Siedler*innen und die philippinische Regierung beteiligt waren. Castillo diskutierte die Möglichkeiten des ökozentrischen Ansatzes für Reparationszahlungen, die ökologische und nicht nur auf Menschen bezogene Schäden miteinbeziehen.
In Toni Haastrups Vortrag ging es um afrikanische Handlungsmacht in einer Welt, die nach wie vor von kolonialen und extraktivistischen Logiken geprägt ist. Haastrup forderte eine Entmilitarisierung und einen feministischen Pan-Afrikanismus, der Solidarität, Fürsorge sowie das Wissen und die Arbeit derjenigen in den Mittelpunkt stellt, die von der Politik selten wahrgenommen werden.
Im letzten Vortrag der Reihe betonte Somdeep Sen die fortbestehenden rassistischen Strukturen in der global-politischen Ordnung: Anhand (historischer) Beispiele aus Tansania und Indien zeigte er, wie koloniale Gewalt und die Entmenschlichung rassifizierter Körper den Diskurs über Palästina sowie unsere Wahrnehmung dessen auch heute noch prägen.
Ein Résumé
Die Vorträge machten deutlich, dass es sich möglicherweise nicht um einen Bruch oder um einen Neuanfang handelt, sondern vielmehr um eine Frage vielfältiger Interpretationen von Zeit und unterschiedlicher Verläufe von sozialem und politischem Wandel. Jede der Referent*innen betonte, dass unsere jeweilige Perspektive auf aktuelle Konflikte von unterschiedlichen historischen Erfahrungen und lokalen Kontexten geprägt ist. Im Vordergrund stand die Relevanz, globale Themen aus einem breiten Spektrum theoretischer und empirischer Perspektiven zu betrachten.
Die Vortragsreihe war mit 60 und 150 Teilnehmenden pro Termin sehr gut besucht und profitierte vom interessierten Publikum. Das große Interesse an den ALMA-Vorträgen unterstreicht die Relevanz der Themen und den großen Bedarf an einer wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit Perspektiven und Theorien aus dem Globalen Süden. Die Diskussionen waren lebhaft, respektvoll und aufschlussreich.
Das ABI wird auch weiterhin Stimmen aus dem Globalen Süden eine Plattform bieten, etwa in der Online-Enzyklopädie „Rewriting Peace and Conflict“, die vom Postcolonial Hierarchies in Peace and Conflict Studies Projekt herausgegeben wird. Die Enzyklopädie ist eine multimediale und frei zugängliche Plattform mit Beiträgen über Frieden und Konflikt aus postkolonialen und dekolonialen Perspektiven und bietet eine interdisziplinäre Sammlung von theoretischen und empirischen Erkenntnissen.
Aufzeichnungen der Vorträge sind auf dem YouTube-Kanal des ABI verfügbar. Abonnieren Sie den Kanal, um keine weiteren Vorträge oder Forschungseinblicke zu verpassen:
Die ALMA (Africa, Latin America, Middle East and Asia) Lecture Series ist eine Vortragsreihe, die vom Arnold-Bergstraesser-Institut in Kooperation mit dem Colloquium Politicum der Universität Freiburg organisiert wird. Sie thematisiert theoretische, empirische und methodologische Fragen aus unterschiedlichen Perspektiven des Globalen Südens.
Dieses Jahr wurde die Reihe in Kooperation mit der De/Coloniality Now Initiative der Universität Freiburg veranstaltet. Die multidisziplinäre Initiative möchte mit ihrer Arbeit zu einem besseren Verständnis davon beitragen, wie Kolonialität die heutige Welt und den Umgang von Menschen und Institutionen in allen Regionen der Welt mit dem kolonialen Erbe prägt.