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Gastaufenthalt: Politik in Lateinamerika und feministischer Artivismus

David G. Miranda und Marla Freire vor dem ABI.

David G. Miranda und Marla Freire vor dem ABI.

| © ABI

In den ersten drei Wochen in März 2026 begrüßte das Projekt Postkoloniale Hierarchien in Frieden und Konflikt David G. Miranda und Marla Freire – Wissenschaftler*innen, Künstler*innen und Artivist*innen der Universidad de Playa Ancha (Chile) – zu einem Gastforschungsaufenthalt am Arnold-Bergstraesser-Institut (ABI) in Freiburg.  
 

Das Fellowship bot  –  über einen gewöhnlichen akademischen Besuch hinaus – einen Raum der Begegnung zwischen künstlerischer Praxis und Sozialwissenschaft, akademischer Debatte und gemeinschaftsbasierter Auseinandersetzung. Das Ziel war es, dominante akademische Formate und Nord-Süd-Hierarchien der Wissensproduktion zu reflektieren und neue Wege zu eröffnen, Sozialwissenschaft in einem Kontext zu denken, der von autoritären Entwicklungen und Post-Truth-Politiken geprägt ist.

Die Zusammenarbeit mit dem Team von Postcolonial Hierarchies in Peace and Conflict am ABI stellte kollektive Praktiken von Care (kollektive Achtsamkeit), Forschung, Reflexion und Mobilisierung in den Vordergrund. Statt abstrakte Theoriebildung oder empirische Forschung als vermeintlich unpolitische Bereiche zu behandeln, rückte die Kooperation situiertes, verkörpertes und kollektives Wissen in den Mittelpunkt. Dabei untersuchten die Forschenden, wie koloniale und patriarchale Strukturen weiterhin die Wissensproduktion prägen – und versuchten zugleich, diese herauszufordern.

David G. Miranda arbeitet zu aktuellen politischen Fragestellungen aus sozialer, bildungswissenschaftlicher und kultureller Perspektive mit einem interdisziplinären Fokus auf Lateinamerika. Er ist Professor an der Universidad de Playa Ancha, koordiniert das gemeinsame Promotionsprogramm in Erziehungswissenschaft (Universidad de Los Lagos / Universidad de Playa Ancha / Universidad de Antofagasta) und leitet das lateinamerikanische Netzwerk für Bildung, Politik und Interkulturalität (FOVI 240274).

Marla Freire ist feministische bildende Künstlerin sowie Professorin für zeitgenössische Kunst und visuelle Kultur an der Universidad de Playa Ancha. Ihre Arbeit verbindet Erinnerung, Identität, Raum und Körperpolitiken durch Performance, Intervention und visuelle Praxis. Sie leitet das Projekt „Feministischer Artivismus in Chile und seine Beiträge zur zeitgenössischen Kunst“, gefördert durch die Agencia Nacional de Investigación y Desarrollo (ANID) im Rahmen von Fondecyt (11240583), mit einer Laufzeit von 2024 bis 2027.
 

Gewalt adressieren durch feministischen Artivismus und kritische Sozialforschung

Ein zentraler Moment des Fellowships war der Workshop „Reimagining Social Research: Feminist Artivism in Chile“, geleitet von Marla Freire und David G. Miranda. Ihre Arbeit – verankert in ethisch reflektierter und politisch engagierter Forschung – kontextualisierte die Rolle und strategische Bedeutung lateinamerikanischer Feminismen in einem Kontext wachsender Autoritarismen, antiwissenschaftlicher Bewegungen und fortbestehender patriarchaler Gewaltverhältnisse.

Sie zeichneten die Entstehung des feministischen Artivismus in Chile nach: von den Mobilisierungen gegen sexualisierte Gewalt im Jahr 2017 über die feministische Welle von 2018 mit künstlerischen und viralen Protestformen bis hin zur sozialen Revolte von 2019/20. In diesem Kontext entwickelten sich Performance und kollektive künstlerische Praktiken zu kraftvollen politischen Ausdrucksformen, die Menschen mobilisieren, dominante Narrative hinterfragen und den Status quo herausfordern – und gerade deshalb auch häufig Repressionen von staatlicher Seite ausgesetzt sind.

 

Marla Freire bei ihrem Vortrag am ABI.
© ABI

Die methodischen Ansätze von Miranda und Freire, die Interviews, semiotische Analysen, Autoethnografie und audiovisuelle Methoden verbinden, stellen körperliche Erfahrung, narrative Wahrnehmung und Introspektion in den Mittelpunkt, verknüpft mit sozio-politischer Analyse. Dadurch werden epistemische Hierarchien infrage gestellt, die „gültiges“ akademisches Wissen von verkörperten, affektiven und kollektiven Wissensformen trennen. Der Workshop eröffnete zudem eine Reflexion über Temporalität: die Unmöglichkeit, klare Anfangspunkte in Prozessen zu definieren, die aus langen Geschichten von Intuition, Kampf und geteilter Praxis hervorgehen – insbesondere im Kontext kolonialer Kontinuitäten in Lateinamerika und seinen Verflechtungen mit Europa.

David G. Miranda und Marla Freire am ABI.
© ABI

Diese Fragen spiegelten sich auch in Projektdiskussionen wider, in denen Viviana García Pinzón und Fabricio Rodríguez ihre Ansätze zu urbanen Dynamiken von Gewalt, Erinnerung und Care in Santiago de Cali und Santiago de Chile präsentierten. Dabei wurden unterschiedliche Formen urbanen Protests, etwa kollektives Kochen oder von Bürger*innen getragene Erinnerungspraktiken im öffentlichen Raum als Widerstandspraxis, im Kontext lokaler und globaler Kämpfe um politischen Wandel diskutiert.

Fabricio Rodríguez, Viviana García Pinzón, David G. Miranda und Marla Freire am ABI.

Fabricio Rodríguez, Viviana García Pinzón, David G. Miranda und Marla Freire (v. l. n. r.)

| © ABI

Workshop zu feministischen Artivismus und Forschung

Ein besonders eindrücklicher Moment des Fellowships war die kollektive Aktivierung der „Sábanas Revueltas“ im Workshop „Resistances and Artivism“. Als weiche, mobile „Wand“ fungiert das Tuch (sábana) gleichzeitig als Methode, Kunstwerk und politischer Akt. Es sammelt Zeugnisse, Einschreibungen und Affekte über verschiedene Territorien hinweg und ermöglicht Dialoge jenseits der Zeitlogiken digitaler Plattformen.

Teilnehmende des Workshops zu Artivismus.

Teilnehmende des Workshops zu Artivismus.

| © ABI

Verankert in feministischer Theorie und Praxis, widersetzt sich „Sábanas Revueltas“ extraktiven Forschungslogiken und fördert stattdessen relationale, dialogische und verkörperte Formen der Wissensproduktion. Das Experimentieren damit – gemeinsam mit Kollektiven wie Eine Welt Forum, Brasilicum, La Olla und dem Projektteam – schuf einen Raum der Ko-Kreation, der über klassische akademische Grenzen hinausging. Sensorische Elemente, darunter Klänge von Protesten aus Santiago de Chile, ermöglichten es den Teilnehmenden, ihre Erfahrungen transnational zu verbinden und ein gemeinsames Reflektionsthema zu entwickeln.

Teilnehmende des Workshops zu Artivismus.
© ABI

Dieses wurde in Form eines Slogans formuliert: „enlazar la(s) rabia(s), cuidar la(s) vida(s)” / „unsere Wut verweben, das Leben schützen“. Zusammen mit dem deutschen Ausdruck „würdevolle Wut“ artikuliert dieser Slogan die Dringlichkeit, anhaltende Gewaltverhältnisse anzuerkennen und den kollektiven Einsatz für das Leben in all seinen Formen fortzuführen.

Ergebnis des Workshops zu Artivismus.
© ABI

Als Ko-Organisatorin und Teilnehmende reflektierte Ana Cristina Arenas (ABI-Praktikantin und Studentin am UCF):

„Für mich war der Workshop eine einzigartige Gelegenheit zu erleben, wie akademische Forschung durch das Infragestellen ihrer eigenen Grenzen bereichert werden kann. Er eröffnete Raum für kreative und interaktive Methoden, stellte die Handlungsmacht der Teilnehmenden in den Mittelpunkt und dekonstruierte Hierarchien der Wissensproduktion.“
 

8. März: Artivismus auf der Straße

Die Verbindung von Kunst, Wissen, Körper und politischem Engagement setzte sich während der Demonstration zum Internationalen Frauentag (8. März 2026) fort. Gemeinsam mit lateinamerikanischen Communities, antifaschistischen Gruppen und internationalen Netzwerken artikulierten die Teilnehmenden eine feministische und antifaschistische Politik, die auf Widerstand und Sichtbarkeit setzt.

Die „Sábanas Revueltas“ wurden dabei zu einer kollektiven Einschreibefläche, auf der Kinder, Familien und Aktivist*innen Forderungen, Erinnerungen und Visionen festhielten – und sozialen Protest in ein lebendiges Archiv verwandelten. Ziel war es, feministisches Wissen zurück auf die Straße zu bringen und als verkörpertes Wissen sichtbar zu machen.

Dialog mit Studierenden und wissenschaftlicher Austausch

Das Fellowship wirkte auch über das Projekt hinaus: David G. Miranda leitete eine Fokusgruppe mit Studierenden der Politikwissenschaft, Environmental Governance und des University College Freiburg (UCF) zum Thema „Youth, Political Socialization and Social Rights in the Post-Truth Era”.

David G. Miranda at the University entrance.
© ABI

Zudem hielt David Miranda im Rahmen des ABI-Clusters Contested Governance einen Vortrag mit dem Titel „Rechtsruck in Chile: Neue Herausforderungen für Gegenhegemonie in einem beschleunigten globalen Kontext“. Dies ermöglichte eine vertiefte Diskussion über aktuelle politische Entwicklungen in Chile im Kontext globaler autoritärer Transformationen.

Lernen durch Handlung und Reflexion

Das Fellowship förderte langfristige Kooperationen und zeigte, dass Forschung zu postkolonialen Hierarchien über reine Kritik hinausgehen muss. Sie muss sich mit den Praktiken auseinandersetzen, die diese Hierarchien im Alltag herausfordern, in ihnen leben, und sie neu denken. Der Aufenthalt von David G. Miranda und Marla Freire stärkte damit das Engagement des Netzwerks Postcolonial Hierarchies in Peace and Conflict, ein transregionales, feministisches und dekoloniales Netzwerk aufzubauen – eines, das nicht nur Nord-Süd-Hierarchien, sondern auch die Trennung zwischen Theorie und Praxis, Wissenschaft und Aktivismus sowie individueller Reflexion und kollektiver Erfahrung hinterfragt.

Mehrere Menschen stehen um ein bemaltes Banner herum und wirken erfreut.
© ABI

Wachsende Netzwerke zwischen Valparaíso und Freiburg

Die Aktivitäten wurden durch die Förderung mehrerer Institutionen in Deutschland und Chile ermöglicht, darunter das Projekt Postcolonial Hierarchies in Peace and Conflict (gefördert durch das BMFTR), die ANID (Chile) sowie das Projekt Feministischer Artivismus in Chile (Fondecyt 11240583). Diese transnationale Zusammenarbeit unterstreicht die Bedeutung nachhaltiger Netzwerke für kritische, situierte und kollaborative Forschung.

Das Fellowship wurde in enger Zusammenarbeit mit Adam Sandor (Universität Bayreuth) sowie Kolleg*innen am ABI – darunter Fabricio Rodríguez, Viviana García Pinzón, Miriam Bartelmann und Alke Jenss – durchgeführt. Eine zentrale Rolle spielte zudem unsere Praktikantin Ana Cristina Arenas in der Organisation der Aktivitäten. Zuvor hatte sie ihre Bachelorarbeit über Chile unter der Betreuung von Fabricio Rodríguez abgeschlossen und brachte dadurch wertvolle Expertise und Perspektiven in diese Initiative ein.

Gemeinsam ermöglichten diese Interaktionen eine kollektive Lernumgebung, die auf Dialog und einem gemeinsamen Engagement für transformative Formen der Wissensproduktion basiert.

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